Source: OPP
Verhalten bei Angriffen
Wer ZeugIn einer rechten Gewalttat wird, muss sehr schnell Entscheidungen treffen. Zusehen? Wegsehen? Eingreifen? Auf welche Weise? Wenn sich ZeugInnen dazu in der Lage fühlen und sich angemessen verhalten, können sie in bestimmten Situationen einen Angriff abwenden oder das Opfer schützen.
ZeugInnen werden mit Gewalttaten unvorbereitet konfrontiert. Sie haben nur sehr wenig Zeit, um ihr Verhalten abzuwägen. Zugleich müssen sie ein schwieriges Problem lösen. Sie müssen sich selbst und möglicherweise auch ihre begleitenden Angehörigen schützen – und sie müssen dem Opfer beistehen und sich dadurch in Gefahr begeben. Allzu oft werden ZeugInnen durch diesen Widerspruch handlungsunfähig und tun wenig oder nichts, um dem Opfer zu helfen.
Dieses Problem kann nicht durch allgemeingültige Verhaltensmaßgaben gelöst werden. Gewaltsituationen sind unterschiedlich; die psychischen und physischen Handlungsmöglichkeiten von ZeugInnen sind individuell verschieden. Trotzdem gibt es Schritte, die jede und jeder unternehmen kann, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Dazu gehört, die Polizei und gegebenenfalls einen Krankenwagen zu rufen und sich als ZeugIn zur Verfügung zu stellen.
Es ist angesichts der Zahl von Gewaltstraftaten sehr wahrscheinlich, dass man ein- oder mehrmals im Leben wird entscheiden müssen, ob man einem bedrohten Menschen beisteht – oder ob man nichts tut. Es ist absolut hilfreich, sich vorher zu überlegen, was man tun will und sich dieses fest vorzunehmen. Dabei sollte man sich nicht allein mit eigenen Empfindungen auseinandersetzen, sondern sich zugleich vorstellen, wie das eigene Verhalten auf das Opfer und auf die TäterInnen wirken könnte:
Wird ein Mensch vor den Augen Anderer, etwa in der Bahn, erniedrigt und geschlagen, ohne dass diese eingreifen, muss er davon ausgehen, dass sie das Geschehen dulden oder den TäterInnen zustimmen.
TäterInnen werden das Schweigen oder Wegsehen von ZeugInnen häufig als Bestätigung ihres Handelns erleben und sich ermuntert fühlen fortzufahren. Dies gilt insbesondere, wenn auf erste Pöbeleien und Schläge keine Reaktion erfolgt. Dagegen könnten sie stark verunsichert werden, wenn sich Einzelne aus einer ZuschauerInnengruppe sofort auf die Seite des Opfers stellen. Die TäterInnen können dann nicht einschätzen, wie sich die übrigen ZeugInnen verhalten werden. In sehr vielen Situationen wird es möglich sein, durch eine entschlossen auftretende Überzahl TäterInnen von weiterer Gewalt abzubringen. Nur wird eine solche Übermacht erst hergestellt, wenn eine oder einer den ersten Schritt tut. Man sollte sich überlegen, ob man dazu in der Lage wäre.
Wenn es zur Abwehr eines Angriffs auf die eigene oder auf eine dritte Person geboten ist, sind Handlungen erlaubt, die sonst strafbar wären. Das betrifft auch und insbesondere Gewaltanwendung. Es gilt dabei die Verhältnismäßigkeit, nach der nur in dem Maße Gewalt angewendet werden darf, das zur Abwehr eines Angriffs unmittelbar erforderlich ist.
Zehn Punkte für Zivilcourage
Die Initiative »Augen auf!« hat den Handlungsleitfaden »Zehn Punkte für Zivilcourage« erarbeitet, der weithin verwendet wird und viele Denkanstöße enthält:
1. Seien Sie vorbereitet
Denken Sie sich eine Situation aus, in der ein Mensch belästigt, bedroht oder angegriffen wird (z.B.: Ein Schwarzer wird in der Bahn von zwei glatzköpfigen Männern angepöbelt).
- Überlegen Sie, was Sie in einer solchen Situation fühlen würden.
- Überlegen Sie, was Sie in einer solchen Situation tun würden.
2. Bleiben Sie ruhig
- Konzentrieren Sie sich darauf, das zu tun, was Sie sich vorgenommen haben.
- Lassen Sie sich nicht ablenken von Gefühlen wie Angst oder Ärger.
3. Handeln Sie sofort
- Reagieren Sie immer sofort, erwarten Sie nicht, dass ein anderer hilft. Je länger Sie zögern, desto schwieriger wird es, einzugreifen.
4. Holen Sie Hilfe
- In der Bahn: Nehmen Sie Ihr Handy und rufen Sie die Polizei oder ziehen Sie die Notbremse.
- Im Bus: Alarmieren Sie die Busfahrerin/den Busfahrer.
- Auf der Straße: Schreien Sie laut!
5. Erzeugen Sie Aufmerksamkeit
- Sprechen Sie andere ZuschauerInnen persönlich an.
- Ziehen Sie sie in die Verantwortung: »Sie in der gelben Jacke, können Sie bitte den Busfahrer rufen?«.
- Sprechen Sie laut. Ihre Stimme gibt Ihnen Selbstvertrauen und ermutigt andere zum Einschreiten.
6. Verunsichern Sie die TäterInnen
- Schreien Sie laut und schrill. Das geht auch, wenn die Stimme versagt.
7. Halten Sie zum Opfer
- Nehmen Sie Blickkontakt zum Opfer auf. Das vermindert seine Angst.
- Sprechen Sie das Opfer direkt an: »Ich helfe Ihnen«.
8. Wenden Sie keine Gewalt an
- Spielen Sie nicht die Heldin/den Helden und begeben Sie sich nicht unnötig in Gefahr.
- Setzen Sie keine Waffen ein, diese führen häufig zur Eskalation.
- Fassen Sie die TäterInnen niemals an, sie oder er kann dann schnell aggressiv werden.
- Lassen Sie sich selbst nicht provozieren, bleiben Sie ruhig.
9. Provozieren Sie die TäterInnen nicht
- Duzen Sie die TäterInnen nicht, damit andere nicht denken, Sie würden sie oder ihn kennen.
- Starren Sie den AngreiferInnen nicht direkt in die Augen, das könnte sie noch aggressiver machen.
- Kritisieren Sie das Verhalten einer Täterin/eines Täters, nicht aber ihre/seine Person.
10. Rufen Sie die Polizei
- Beobachten Sie genau und merken Sie sich Gesichter, Kleidung und Fluchtweg der TäterInnen.
- Erstatten Sie Anzeige und melden Sie sich als ZeugIn.
(OPP)

